Freitag, 27. Mai 2011

Street church


Seit nun acht Monaten gehe ich jeden Mittwoch abend nach Houston um mit ca. 200 Obdachlosen und Bedürftigen einen Gottesdienst zu feiern, abend zu essen, zu reden und zu beten. Die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte, sind mir ans Herz gewachsen und ich durfte viel von ihnen lernen.
Mr. Lee ist unser Freund geworden. Wir haben in sozusagen als unsren Texas- Opa in unsre Familie integriert, nehmen in mit zu Familienausflügen und feiern wichtige Ereignissen. Wir sind so froh, ihn kennen zu dürfen. Gerade heute morgen rief er mich an, um zu erfahren, was Jenna Mae sich zum Geburtstag wünscht und es tut so gut jemanden hier zu haben, dem wir am Herzen liegen. Für ihn und uns ist es etwas hart, an den Abschied zu denken, und wir wollen ihm noch einen Computer Crashkurs verpassen, so dass wir dadurch Kontakt halten können. Wir sind mit Mr. Lee in diesen 10 Monaten durch Höhen und Tiefen gegangen. Wir haben uns mit ihm gefreut, als er über den Winter eine Wohnung gefunden hatte, haben zusammen nach Möglichkeiten für seine pflegebedürftige Ehefrau gesucht, feierten mit ihm seinen 60. Geburtstag, haben eine Menge von ihm über die Situation der Schwarzen in den Südstaaten lernen können, waren traurig, als er seine Wohnung im April wegen finanzieller Not aufgeben musste und sorgen uns momentan um seine gesundheitliche Verfassung. Wir wissen, dass Mr. Lee sehr dankbar darüber ist, dass er all diese Dinge nicht alleine erleben muss, sondern Freunde hat, die Freud und Leid mit ihm teilen. Mehr braucht es gar nicht: einfach die Bereitschaft, Glück und Sorgen miteinander zu teilen macht so einen riesigen Unterschied.
Einige Obdachlose haben mir schreckliche Geschichten erzählt. Das Leben auf der Strasse ist nicht ohne Risiko. Es gibt Gangs, in deren Fänge man nicht geraten sollte. Es gibt immer wieder ungeklärte Todesfälle. Man braucht so viel Kraft und Selbstdisziplin, um nicht immer tiefer in den Sumpf von Drogen, Kriminalität und Prostitution hineinzugeraten. Es gibt so viel Dunkelheit und so wenig Hoffnung. Umso mehr ist es unsre gottgegebene Aufgabe, Licht und Hoffnung gerade zu diesen Menschen zu bringen, und sie nicht in ihrem Elend alleine zu lassen. Es ist schnell und einfach gesagt, dass die Obdachlosen sich selbst in diese Situation hineinmanöviert haben und das ihnen nicht zu helfen ist. Doch damit machen wir es uns zu einfach. Natürlich können wir nicht in einer HauRuckAktion Verbesserung schaffen und Menschen heilen und von der Strasse wegholen. Doch wenn wir bereit sind, diesen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen und in sie hineininvestieren- mit der Gefahr, entäuscht zu werden- dann begegnen wir ihnen so, wie Jesus ihnen begegnet wäre. Jesus hat so viel Zeit und Liebe und Mühe in diese Aller- Bedürftigsten hineininvestiert. Sie waren ihm wichtiger als alle anderen!
Die Street church Kinder haben mir teilweise das Herz gebrochen. Teenager- Mütter, die ihre Babys abgeben, weil sie keinen Ort haben, an dem sie die Nacht verbringen können. Kleine Mädchen, die erzählen, dass sie zuhause von ihrer Mama gehauen werden. 5jährige Jungs, die sexuelle Andeutungen machen, von denen sie eigentlich noch keine Ahnung haben dürften. Viele dieser Kinder wachsen in Umständen auf, die ihnen jegliches Kind- sein verweigert. Viele dieser Kinder werden vernachlässigt, geschlagen und häufig sogar missbraucht. Mütter geben genau das an ihre Kinder weiter, was sie selbst erlebt und erfahren haben. Ein schrecklicher Teufelskreis. Doch zum Glück ist dies nicht die ganze Geschichte. Einige Mütter konnten über die Jahre einen anderen Lebenstil und andere Verhaltensmuster lernen. Manche Kinder mussten aus ihren Ursprungsfamilien herausgenommen werden, und leben nun bei engagierten Pflege-/ Adoptiveltern, die mit viel Liebe und Gottes Weisheit versuchen, den Kindern die Wahrheit aufzuzeigen: das sie geliebt und wertvoll sind, und das Gott einen guten Plan mit ihrem Leben hat.
Ich bin stolz und dankbar, dass jeden Mittwoch Abend ca. 100 Freiwillige nach Houston kommen, um die Bedürftigen materiell und geistlich zu versorgen. Und ich freue mich schon, ein paar Ideen in unsrer Heidelberger Obdachlosenarbeit- der Mahlzeit- umzusetzen.

Kommentare:

  1. Danke, dass Du sagst, dass es schnell und einfach dahingesagt ist, dass die Obdachlosen selbst schuld sind an ihrer Misere.

    Der Absturz, der geht so leicht und schnell. Unsere Gesellschaft lässt Schicksalsschläge nicht zu. Lässt nicht zu, dass es die gibt und dass man dann Zeit braucht, sich zu erholen. Und möglicherweise auch kompetente Hilfe braucht. Die man erstmal finden muss.

    Wer nicht funktioniert, der wird aussortiert. Und dann ist der komplette Absturz da.

    Ich war in der Chapel immer dankbar um die verschiedenen Dienste, die einem unter die Arme greifen können, wenn man Hilfe braucht. Aber wer ist schon in so einer Gemeinde?
    Und die, die in diesen Diensten involviert sind, die wissen ja, wie schwer es den Menschen fällt, um Hilfe zu bitten. Zu sagen, wie schlecht es ihnen gerade geht, was ansteht.

    Ja, es ist einfach, die Obdachlosen für ihre Misere zu verurteilen.

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  2. Aaaah Melli, du hast die Haare ab! Sieht gut aus :) Das Foto ist auch cool. War/ Ist das ein Baby aus der Street Church?
    Freu mich schon euch bei TS wiederzusehen :)
    Liebe Grüße!

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  3. Liebe Mellie,

    es ist unglaublich, was Menschen durchmachen müssen und wie hilflos man sich fühlt, wenn sie einem ihr "Schicksal" anvertrauen. Ich bin Gott aufrichtig dankbar für Menschen, die sich, wie ihr, gebrauchen lassen, um Hoffnung, Licht und praktische Hilfe zu geben.
    Gott segne euch weiterhin reichlich!!!!!!
    Liebste und gesegnete Grüße
    Barbara Thomason

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